Schilddrüsenunterfunktion in Schwangerschaft und Stillzeit

Erfahrungsbericht einer Frau mit Gefühlsnöten in der Schwangerschaft und folgender Wochenbett-Depression

Nach der Geburt meiner Tochter im Jahr 2000 war mein PMS (prämenstruelles Syndrom) viel stärker geworden. Dagegen nahm ich eine Pille und auch ein Antidepressivum. Im Jahr 2005 wurde ich wieder schwanger, ich setzte auch das Antidepressivum ab. In den ersten 6 Monaten der Schwangerschaft ging es mir gut, ich ernährte mich auch sehr gesund und nahm Vitamine für Schwangere, die u.a. 200 Mykrogramm Jod enthielten. Plötzlich aber, ohne Grund, bekam ich im 7. Schwangerschaftsmonat extreme Stimmungsschwankungen, innere Unruhe und Schlafstörungen. An einigen Tagen war es so schlimm, dass ich Angst hatte, den Verstand zu verlieren. Mit viel Willenskraft konnte ich es aushalten, auch die Liebe und der Respekt zu meinem Baby haben mir geholfen die letzten 3 Monate der Schwangerschaft zu überstehen. Dazu kam noch, dass ich über 30 Kilo zunahm und u.a. sehr trockene Augen hatte.

Meine damalige Endokrinologin ließ 2 Schilddrüsenwerte kontrollieren, sie tastete meine Schilddrüse auch sanft ab. Mai 2005 (3 Monate vor der Geburt meines Sohnes):

FT4: 6.31 pg/ml. Referenzwert: 8.00-17.0
TSH: 1.08 mIU/l.  Referenzwert: 0.40-4.00

Beurteilung des Labors:
Das freie T4 ist grenzwertig erniedrigt. Das im Referenzbereich liegende basale TSH belegt insgesamt eine euthyreote Stoffwechsellage.
Die Endokrinologin meinte auch: „Es sei alles okay“. Sie empfahl mir anstelle eines T4-Präparats (wohlgemerkt in der Schwangerschaft!): „Sie sollten wieder das Antidepressivum nehmen, das könnte ihnen helfen“ Das sollte das Richtige für das Ungeborene sein?? Wird dadurch die Schilddrüsenarbeit nicht noch weiter gebremst?

August 2007 (2 Jahre später und nach mehreren Arztbesuchen) untersuchte ein anderer Endokrinologe meine Schilddrüse sehr gründlich, d. h., er ließ alle Werte bestimmen. Als er die Ergebnisse hatte, sagte er: „Ihre Schilddrüsenwerte sind im Grenzbereich, ich mache jetzt einen Ultraschall Ihrer Schilddrüse“, so entdeckte er zwei Knoten - einer war schon 1 cm groß (mein TSH-Wert lag diesmal bei 2,12 mein FT3 war unter der Norm und das FT4 war im unteren Grenzbereich). Ich erklärte ihm, dass meine Schilddrüse schon mehrmals untersucht worden war. Er antwortete: „Es hängt aber davon ab, wie man untersucht und die Knoten sind nicht von gestern.“

Beim nächsten Besuch habe ich ihm die Werte, die in der Schwangerschaft bestimmt worden waren, gezeigt. Er sagte dazu: “Ja, der TSH-Wert ist in der Norm aber das FT4 ist unter der Norm, nicht grenzwertig erniedrigt. Ein T4 hätte Ihnen schon in der Schwangerschaft gut getan“.

Mein neuer Arzt verschrieb mir dann ein T4-Präparat. Seit über einem Jahr nehme ich dieses Schilddrüsenhormon und fast alle meine Beschwerden und merkwürdige Symptome sind verschwunden, und ich hatte nach der Geburt meines 2. Kindes (auch 2 Jahre danach) noch mehr Symptome als in der Schwangerschaft. Mein Neurologe ließ letztes Jahr sogar ein MRT machen, da ich gelegentlich Sehstörungen und Wortfindungsstörungen hatte. Mein rechtes Auge war plötzlich blind und ganz normale Gegenstände konnte ich nicht benennen, ich wusste das Wort nicht mehr. Gelegentlich spürte ich auch ein starkes Kribbeln, wie ein Ziehen in den Beinen. Ergebnis der Untersuchung: Mein Gehirn war okay, man hat nichts gefunden. Ein Monat später wurde meine Unterfunktion diagnostiziert und ich fing an ein T4-Präparat zu nehmen.

Vor 4 Wochen habe ich leider erfahren, dass auch meine beiden Kinder davon betroffen sind…jetzt muss ich nach einem fähigen Kinder-Endokrinologen suchen.

Ich bin leider kein Einzelfall! Es gibt viele Frauen, deren Schilddrüse während oder nach einer Schwangerschaft krank wird. Da dabei die Psyche sehr oft belastet wird, ist man davon überzeugt, dass die arme Frau unter Schwangerschaftsdepression leidet. Anstatt dass ein Arzt an die Schilddrüse und/oder die Sexualhormone denkt und diese gründlich untersucht bzw. bestimmen lässt, bekommt die Mutter oft ein Antidepressivum und/oder ein Schlafmittel und/oder ein Beruhigungsmittel und vielleicht noch ein Neuroleptika dazu. Monate vergehen. Der Frau geht es immer noch nicht besser. Die Dosis des Antidepressivums wird erhöht oder es wird einfach ein neues Produkt ausprobiert. Bei Bedarf werden weitere Psychotherapiestunden beantragt. Es ist eine Tatsache, dass Postpartale Depressionen sehr oft das Resultat eines Ungleichgewichts von Progesteron, Testosteron und Östrogenen sind. Dies gilt erst recht, wenn die Mutter über 35 Jahre alt ist und vielleicht dank einer oder mehreren Hormonbehandlungen schwanger wurde. Warum Ärzte dies nicht bedenken, kann ich nicht nachvollziehen.

Aus diesem Grund haben wir in einem Internetforum mit einigen Frauen diskutiert, die an postpartaler Depression erkrankten. Es wurde mehrfach geraten zu einem Schilddrüsenspezialisten zu gehen und es kam heraus, dass viele eine Schilddrüsenfehlfunktion und u.a. Progesteronmangel hatten (über Speicheltest festgestellt). Einige waren sogar von Hashimoto betroffen. Bei einer jungen Frau meinte der Radiologe, die Schilddrüse sähe wie ein „Schweizer Käse“ aus (so drückte es der Arzt wortwörtlich aus). Sie nahm zuvor wegen ihrer starken Depressionen drei verschiedene Antidepressiva ein. Zurzeit wendet sie ein Schilddrüsenhormon-Präparat an und hat bereits erfolgreich zwei Antidepressiva absetzen können.

Bei einer anderen Dame hieß es, sie leide unter einer „biporalen Störung“, bis bei ihr Hashimoto diagnostiziert wurde… ihre „biporale Störung“ ist dank eines Schilddrüsenhormons, ein paar Vitaminen, Mineralien und Selen verschwunden.

Eine weitere Betroffene von postpartaler Depression berichtet, sie hätte bestimmt nicht so lange auf eine Besserung ihres Zustandes warten müssen, wenn ein Arzt ihren Hormonstatus ernst genommen hätte. Sie probierte mehrere Psychopharmaka aus, und da keines half, bekam sie eine Elektrokrampfbehandlung, die für sie ein Horror war und überhaupt keine Besserung brachte:

Zitat:„…Während der Depression hatte ich solche starken Gedächtnisstörungen, dass ich mich teilweise am Nachmittag nicht mehr daran erinnern konnte, was ich am Vormittag getan hatte. Mein Arzt sagte mir, das sei eine depressive Pseudodemenz, ein häufiges Symptom bei so schweren Depressionen. Deshalb bin ich weiter auf Ursachenforschung gegangen und habe meine Schilddrüse untersuchen lassen. Es stellte sich heraus, dass ich eine Schilddrüsenunterfunktion hatte und als ich daraufhin in die Klinikakten Einsicht genommen habe, war zu sehen, dass sich die Schilddrüsenwerte direkt nach der Geburt verschlechtert hatten und in jeder Laboruntersuchung etwas schlechter wurden. Da die Sache aber lange im unteren Grenzbereich lag, hat dem wohl keiner Beachtung geschenkt. Inzwischen war aber eine handfeste Unterfunktion feststellbar und ich bekam ein T4-Produkt verschrieben. Schon nach einer Woche Einnahme war ich ein anderer Mensch. Ich fühlte mich wie früher. Fit, fröhlich, unternehmungslustig, die Müdigkeit verschwand und ich konnte mich besser konzentrieren. Auch meine so lange vermissten Muttergefühle kamen plötzlich und ich konnte mein Kind richtig lieben!!...“

Nach allem was ich in den letzten 3 Jahren von Betroffenen gelesen und erfahren habe, frage ich mich ernsthaft, wie vielen Patienten es auch so ergangen ist und vielleicht immer noch „psychisch krank“ sind, weil sie auf keine Behandlung ansprechen. Ich glaube nicht, dass Ärzte der Psychiatrie über die Komplexität von Schilddrüsenerkrankungen und deren Behandlungen (mögliche Nebenwirkungen, Erstverschlimmerung, Schübe usw.) richtig informiert sind. Es würde mich interessieren zu erfahren, ab welchem TSH-Wert für die Psychiatrien Handlungsbedarf besteht und ob sie alle notwendigen Schilddrüsenwerte kontrollieren lassen und diese richtig interpretieren können…ich frage mich auch, ob Psychiater und Neurologen wissen, dass bestimmte Medikamente z. B. Psychopharmaka und andere Hormone ebenfalls in den Schilddrüsenstoffwechsel eingreifen und somit die Schilddrüsenwerte verfälschen und/oder die Wirksamkeit von Schilddrüsenhormonen beeinflussen können.
Wie schon erwähnt, selten denkt ein Arzt im Falle einer postpartalen Depression und/oder Psychose daran, die Schilddrüse gründlich zu untersuchen und/oder die Sexualhormone bestimmen zu lassen. Psychopharmaka (wie z.B. Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Schlaftabletten und/oder Neuroleptika) werden sehr oft und ohne Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen, Erstverschlimmerung und Wechselwirkungen, verschrieben. 

Psychopharmaka ganz schnell und fast gegen alles Mögliche zu verschreiben, ist nicht nur in Deutschland Standard-Therapie geworden.

Dabei werden auch die Krankenkassen unnötig belastet. Haben Sie schon einmal einen Preisvergleich zwischen Schilddrüsenmedikamenten und Psychopharmaka angestellt? Preis und Wirkung bzw. Nebenwirkungen sind absolut unverhältnismäßig, vor allem dann, wenn man berücksichtigt, dass es meist nur Verdachtsdiagnosen sind, auf Grund derer ein oder mehrere Psychopharmaka verordnet werden.
Viele Ärzte vergessen leider, dass die Schilddrüse sehr wichtige Vorgänge im ganzen Organismus beeinflusst und reguliert. Sowohl die Neurotransmitter (u.a. Serotonin und Dopamin) als auch die Sexualhormone können aus dem Gleichgewicht geraten, wenn eine Schilddrüsenerkrankung vorliegt. Noch unerträglicher kann es für den Patienten dann werden, wenn jahrelang nur die Symptome mit unterschiedlichen Medikamenten unterdrückt werden und das kranke Organ einfach keine Beachtung und angemessene Behandlung bekommt.