Diskussion zur TSH-Normwertbestimmung

Mit freundlicher Genehmigung einer Kundin veröffentlichen wir einen sehr umfangreichen Leserbrief an die Ärztezeitung bezüglich der Diskussion zur TSH-Normwertbestimmung

Betreff: Artikel vom 17.03.2008 mit dem Titel In der Endokrinologie schnell auf dem aktuellen Stand
Link: www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/hormonstoerungen

Professor Allolio meint:
Zitat: „…In meinem Vortrag weise ich darauf hin, dass die jüngst vorgeschlagene Absenkung der oberen TSH-Normgrenze vorerst für die Praxis nicht relevant ist. Ärzte sollten bei dem bisherigen oberen Grenzwert bleiben. Und selbst bei einer auffälligen Messung sollte nicht gleich eine langfristige Hormon-Therapie gestartet werden. Lieber sollte nochmals in einem halben Jahr nachkontrolliert werden. Denn häufig haben sich dann die TSH-Werte wieder normalisiert..“

Welche wissenschaftlichen Begründungen hat Professor Allolio um dieses zu behaupten?
Ich denke mit dieser Aussage generalisiert er ein sehr komplexes Krankheitsbild. Ob ein Patient Schilddrüsenhormone braucht oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab wie z. B. Alter, Symptomatik, Dauer und Stärke der Beschwerden, genetische Prädisposition in der Familie, usw.

Professor Allolio nennt in dem Artikel nur den TSH-Wert. Was ist mit FT3 und FT4? Was ist mit den Antikörpern TPO-AK, TRAK und TG-AK? Warum erwähnt er nur den TSH-Wert, als ob dieser Wert allein aussagekräftig wäre, was die Funktionalität der Schilddrüse betrifft?
Ärzte lernen während ihres Studiums und sind auch davon überzeugt, dass „ein normaler TSH-Wert eine Schilddrüsenfehlfunktion ausschließt“. Die Realität sieht aber anders aus! Es gibt in der Tat Patienten, die einen normalen TSH-Wert aufweisen und trotzdem Symptome haben, die auf eine Schilddrüsenfehlfunktion hindeuten. Und es gibt sogar Patienten, die einen normalen TSH-Wert haben und trotzdem erhöhte Antikörper aufweisen. Ja, die gibt es auch und es sind viele!
Aus diesem Grund sollten bei Verdacht auf eine Schilddrüsenfehlfunktion alle Schilddrüsenwerte- TSH, FT3, FT4, auch TPO-AK, TRAK, und TG-AK- bestimmt werden. Da die Größe, Knoten und sonstige Veränderungen der Schilddrüse im Blutserum nicht feststellbar sind, sollte unbedingt auch eine Ultraschalluntersuchung erfolgen. Das Abtasten der Schilddrüse genügt in vielen Fällen nicht. Hinzu kommt noch, dass der obere TSH-Grenzwert in Deutschland oftmals eindeutig zu hoch angesetzt wird. Neuere Studien aus den USA, aber auch aus Deutschland, haben gezeigt, dass 95% der Menschen mit einer gesunden Schilddrüse einen TSH-Wert zwischen 0,4 und 2,5 haben.
Nach einer Empfehlung der „National Academy of Clinical Biochemistry“ sollte der obere TSH-Grenzwert nach unten korrigiert werden, weil bereits ab einen TSH-Wert von 2,5 eine latent hypothyreote Stoffwechsellage (SD-Unterfunktion) besteht und eventuell abgegrenzt werden muss.

Der neue empfohlene TSH-Referenzwert liegt daher bei 0,4- 2,5. 

Leider berücksichtigen die meisten Ärzte in Deutschland nur den TSH-Wert, um die Versorgung des Körpers mit Schilddrüsenhormonen zu überprüfen. Ist der TSH-Wert unter 4,5,  besteht für viele Ärzte kein Handlungsbedarf, auch wenn FT4 und/oder FT3 unter der Norm oder grenzwertig erniedrigt sind und der Patient eindeutige Unterfunktionssymptome hat. Dabei ist das TSH ein Hypophysenhormon und somit nur ein indirekter Indikator der Versorgung mit den Schilddrüsenhormonen FT4 und FT3.
Nur Patienten, die im Endokrinologikum in Behandlung sind, haben da mehr Glück, da sich dort der neue Grenzwert beim TSH von 2,5 glücklicherweise bereits durchgesetzt hat. Man sollte meinen, dass ein Endokrinologikum auch die richtige Adresse für Hormonerkrankungen ist und deshalb auch bezüglich der Behandlungsansätze Vorbildfunktion für andere Facharztpraxen und auch Allgemeinarztpraxen besitzen dürfte.

Die Erfahrung von Hashimoto-Patienten und auch aktuelle Studien haben gezeigt, dass der TSH-Wert nicht nur erhöht - ja sogar unter 2,5 sein kann- und eine Unterfunktion (Mangel an FT4 und evtl. FT3) trotzdem bestehen kann. Meist sind dabei die freien Werte FT4 und FT3 (die tatsächlichen Schilddrüsenhormone) grenzwertig erniedrigt oder unter der Norm. Eine Umfrage unter Hashimoto-Patienten hatte ergeben, dass die meisten Patienten sich bei erniedrigtem FT3 und FT4 unwohl fühlen. Das heißt, sie haben Unterfunktionssymptome und fühlen sich erst bei freien Werten im mittleren bis oberen Normbereich wohl.

Hier wurde noch eine Umfrage gestartet: Wer hatte bei der Diagnose Hashimoto einen TSH unter 2,5? 

Ergebnis der Umfrage bis jetzt: 
Über 35 % der Hashimoto-Patienten hatten einen TSH-Wert unter 2,5- und
über 30 % hatten einen TSH-Wert zwischen 2,5 und 4,5.
Quellewww.ht-mb.de/forum/showthread.php?t=1075137

Autoimmune Schilddrüsenerkrankungen: Früherkennung durch niedrigen Grenzwert
Zitat: „…Auch ich halte eine frühzeitige Therapie mit L-Thyroxin für notwendig. Schott und Scherbaum erwähnen als oberen Grenzwert für Euthyreose einen TSH-Basal-Wert von 4,5 mIU/L. Spencer (1) setzt die Obergrenze für TSH auf 2,5 und Völzke (2) auf 2,12. Warum ich persönlich einen sogar noch niedrigeren Grenzwert befürworte, habe ich in einer noch unpublizierten Arbeit „Zum klinischen Verlauf der Autoimmun-Thyreoiditis Hashimoto: neue diagnostische Optionen für eine frühzeitige Therapie“  dargelegt, die bei mir angefordert werden kann…“  
Autor: Dr. med. Iradj Rahimi-Laridjani
Quelle: www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=55132


Eine bessere Schilddrüsenvorsorge in Deutschland könnte bis zu 80.000 Operationen pro Jahr vermeiden..!
Zitat:„..Schilddrüsenerkrankungen verursachen heute jährlich einen volkswirtschaftlichen Schaden von mehr als 1,1 Milliarden Euro“, sagte Schumm-Draeger. Unter anderem gingen jedes Jahr 1,5 Millionen Fehltage am Arbeitsplatz, 100.000 Operationen und 800.000 Krankenhaustage auf das Konto dieser Volkskrankheit…“  
Autor: Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger
 
Und was Jodmangel betrifft, generell gibt es laut WHO in Deutschland keinen Jodmangel mehr, da das Tierfutter mit viel Jod angereichert wird und somit tierische Lebensmittel wie Milchprodukte (siehe Stiftung Warentest über Milch, Wurst, Eier usw.) meist genügend Jod enthalten um den täglichen Bedarf an Jod zu decken.
Viele Patienten (vielleicht sogar unentdeckte Hashimoto Erkrankte, da nur der TSH-Wert bestimmt wurde aber keine Antikörper) bekommen von ihren Ärzten Vitamine oder Schilddrüsenpräparate, die zusätzliches Jod enthalten.

Hier zwei interessante Links darüber:
www.schilddruesenguide.de/sd_jod.html
www.norbertnehring.de/


Lesen Sie bitte den Brief, den Hashimoto-Erkrankte der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt geschrieben haben:
Zitat:„…Sehr geehrte Frau Schmidt, wie würden Sie die folgende Frage beantworten: „Darf es in Deutschland von Gesetzes wegen erlaubt sein, einen Menschen ohne dessen Zustimmung unheilbar krank zu machen, um einem anderen Menschen eine Krankheit zu ersparen?“ Die Antwort lautet leider: „Ja. Dies ist erlaubt und geschieht in Deutschland tagtäglich.“
Quelle:  www.wiki.jodforum.de/index.php?title=Offener_Brief_zur_Jodprophylaxe

Und hier noch mehr zum Thema TSH:

Gewichtszunahme und Depression sind häufig frühe Zeichen für Hypothyreose
Zitat: „…Bei unspezifischen Symptomen lohnt es sich immer, auch an eine Schilddrüsenerkrankung zu denken. Das Problem bei Schilddrüsen-Laborwerten: Nicht selten würden sie als unauffällig beurteilt, wenn sie an der Grenze des Normalbereichs liegen. Tatsächlich sollten solche Befunde als Hinweis auf eine beginnende Schilddrüsenfunktionsstörung gewertet werden, so Müller. "Zudem schließen normale Laborwerte eine bereits bestehende morphologische Veränderung der Schilddrüse nicht aus"
Autor: Dr. Michael Müller 
Quelle:  www.aerztezeitung.de


Autoimmune Schilddrüsenerkrankungen: Normbereich für TSH zu hoch
Zitat: „…Mit welchen gesundheitlichen Problemen und Einschränkungen ihrer Lebensqualität viele Erkrankte leben müssen, weil immer noch viele Ärzte ihr Leiden auf psychische Ursachen zurückführen und einen TSH bis 4,0 mU/L immer noch als in der Norm liegend und somit nicht als behandlungsbedürftig betrachten, sollte dabei auch bedacht werden...“
Autorin: Annett Schmidt Medizinhistorisches Institut
Quelle: www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=55131


Volkskrankheit Hashimoto-Thyreoiditis
Zitat: „…Der Normwert auf den meisten Laborzetteln liegt bei etwa 0,4-4,0 mIU/l (kleine Abweichungen sind von Labor zu Labor möglich). Neuere Empfehlungen der Endokrinologen („Fachärzte für Hormone“) gehen jedoch dahin, den optimalen Bereich auf 0,5-2,0 mIU/l einzugrenzen. Wenn dieser Wert bei Ihnen beispielsweise bei 3,2 liegt, sagt Ihnen Ihr Arzt vermutlich: „Wunderbar, alles im grünen Bereich!“ Tatsächlich kann schon eine Schilddrüsenunterfunktion vorliegen – besonders dann, wenn Sie bereits Symptome einer solchen aufweisen. Dies ist erst seit wenigen Jahren bekannt und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis sich diese Erkenntnis flächendeckend durchgesetzt hat. Max Planck merkte hierzu schon kritisch an: „Es dauert in der Wissenschaft nicht 30, sondern 60 Jahre, bis eine neue, umstürzende Erkenntnis sich durchsetzt. Es müssen nicht nur die alten Professoren, sondern auch ihre Schüler aussterben.“ Hoffen wir nur, dass es beim TSH nicht ganz so lange braucht…“
Autor: Dr. Volker Schmiedel
Quelle: www.habichtswaldklinik.de/Naturheilkundlicher_Newsletter_April_2007.pdf


Dr. med. Berndt Rieger
schreibt in seinem Buch „Die Schilddrüse“ Balance für Körper und Seele
Zitat: „…Laborbefunde nicht immer aussagekräftig-…Viele Ärzte glauben, dass es mit der Bestimmung der Hormonwerte im Blut getan ist, denn sie schreiben dieser Untersuchung jene Bedeutung zu, die ihnen von medizinischen Wortführern an Universitäten, in der Pharmaindustrie und Gesundheitspolitik seit Jahrzehnten zugewiesen wird. Sie sollten als Therapeut wie auch als Patient nicht den Fehler begehen, aufgrund normaler Werte zu glauben, dass alles in Ordnung ist…“


Ist das TSH normal - fühlt der Patient sich optimal ...
Zitat: „…Doch in Zeiten eines beschränkten Laborbudgets und oftmals nur unzureichenden Wissens über Schilddrüsenkrankheiten sieht die Realität in Arztpraxen heute so aus, dass sich die meisten Ärzte bei der Überprüfung der Schilddrüsenfunktion ausschließlich am TSH orientieren und allzu oft sogar das Befinden ihrer Patienten ignorieren, wenn ein innerhalb der Labornorm liegendes TSH gemessen wird. Aussagen wie "Das TSH ist in Ordnung - Ihre Beschwerden können also nicht von der Schilddrüse kommen" sind häufig schlichtweg falsch und entmündigen die Patienten, die oft trotz vermeintlich normaler TSH-Werte an Schilddrüsen-bedingten Symptomen leiden, in ihrer Selbstwahrnehmung….“
Autorin: Dipl.-Päd. Nicole Rolfsmeier
 

TSH und Ausmaß der Unterfunktion

Dr. Mark Starr schreibt in seinem Buch „Hypothyrodism Type 2“ The Epidemic:
Zitat: „…Modern doctors use the thyroid blood tests as guidelines for treatment as well as diagnosis. The end result is the health disaster that is upon us. Modern medicine has adopted the TSH as the “Gold Standard”. If the TSH is normal, the search for the hypothyroidism usually ends…”

Mary J. Shomon zitiert in ihrem Buch “Living well with Hypothyrodism“ die Ärztin Donna Hurlock:
Zitat: But I will give the last word to Dr. Donna Hurlock: „…We would all do a much better job if we just threw out the almighty TSH and started looking at and listening to our patients again, like docs in the 50´s did…”


Dr. Ken Blanchard schreibt in seinem Buch “What your doctor may not tell you about Hypothyroidism”:
Zitat:„…it is my deep belief that the current status of the TSH test as the absolute yes–or–no arbiter for the presence of hypothyroidism and for the status of a patient´s treatment will eventually come to be regarded as one of the great mistakes of medical history…”
Aber laut Aussage von Professor Allolio sollte der Patient 6 Monate warten, bis der TSH-Wert sich wieder normalisiert hat. Sollte das auch eine Schwangere tun, die einen TSH-Wert von 4.0 (oder höher) aufweist und die typischen Beschwerden einer Schilddrüsenunterfunktion hat? Es ist bekannt, dass eine Schilddrüsenfehlfunktion sowohl der Mutter als auch dem Ungeborenen schaden kann, wenn diese nicht rechtzeitig und gezielt behandelt wird.

Wenn man andere Ärzte davon überzeugen möchte, dass der neue obere TSH-Grenzwert für die Praxis nicht relevant ist, d.h. dass der obere TSH-Grenzwert bei 4,0 bleiben sollte, sollte man bedenken, dass dies nicht der Realität entspricht. Nicht alles, was in den Medizin-Büchern oder in den Statistiken steht, entspricht immer der Realität. Und wieso ist das so? Weil jeder Mensch ein Individuum ist und jeder seine Bedürfnisse hat. Außerdem verändert sich vieles: wir Menschen, unsere Umwelt und die Nahrung… auch die Chemikalien, die wir damit aufnehmen verändern sich. Wir, die Patienten, sind die Realität. Mit uns sollten Ärzte auch lernen... viele ignorieren uns aber!